Filmemacher
von Filmen der 11. Fuhlsbüttler Filmtage
2003

 

Über drei Jahrzehnte Filmdokumente von aktuellen Ereignissen, bekannten Personen und wichtigen Schauplätzen des politischen Weltgeschehens geschaffen zu haben, - sowohl in Afrika (Kongo, Libyen) als auch Asien (Vietnam, Kambodscha), Lateinamerika (Chile), Europa. Darin liegt heute noch die Bedeutung der Dokumentarfilmproduktion aus dem Studio Heynowski & Scheumann. Kennzeichnend für die Filme aus dem Studio H&S wurde ihre analytische Methode, mittels derer sie die individuellen Schicksale und konkreten Geschehnisse in große politische Zusammenhänge stellten. Es ging H&S nicht um ein einfaches Abbild der Wirklichkeit, sondern um deren Demontage und Analyse. Die Herstellung mehrerer Filme zu einem Thema (Zyklus) sollte die Einsicht in diese Zusammenhänge vertiefen helfen. 71 Filme haben Walter Heynowski und Gerhard Scheumann unter dem gemeinsamen Kürzel "H & S" geschaffen.             
    
Der "Kongo-Müller" Mag manchen Zuschauer die Polemik vieler H&S-Filme heute nicht mehr überzeugen, so geht ein anderes Element ihrer Filme noch immer unter die Haut: Die Selbstaussage, die den Kommentar ersetzt. Es war die Kunst von H&S, den Gesprächspartner im Verlaufe der Drehs zu einer Deutlichkeit seiner Aussagen zu bewegen, dass es gerade die Selbstentlarvung des Gegenüber ist, die die Wirkung vieler ihrer Filme ausmacht (so in: Der lachende Mann; Der Präsident im Exil; Geisterstunde; Phoenix; Kamerad Krüger). Wie sonst könnte man einen Interviewfilm ertragen, in dem eine volle Stunde lang nur das sprechende Antlitz des Kongo-Müllers zu sehen ist? Aus Interviews wurden so Täterporträts. Die Türen und Münder ihrer Filmhelden öffneten sich aber nur, weil letztere sich westdeutschen Journalisten gegenüber glaubten. 

Seinerzeit in der Bundesrepublik verboten: Der in Europa meistdiskutierte Dokumentarfilm der 60er Jahre: H&S-Debüt "Der lachende Mann" über Kongo-Müller 

                  Hier offenbart sich eine Existenzbedingung ihrer Arbeit, die auch die Frage beantworten hilft, warum sich denn nicht seinerzeit westdeutsche Filmemacher und Fernsehleute solcher Stoffe wie Der lachende Mann, Der Präsident im Exil, Geisterstunde, Kamerad Krüger mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie bei H&S angenommen haben. Wie weit her war es mit der realen Freiheit - die materielle eingeschlossen - der Medienmacher im Westen wirklich? Heynowski und Scheumann waren die ersten Medienleute, die den Kongo-Müller tatsächlich ernst nahmen. Westdeutsche Journalisten und Fernsehleute vor ihnen hatten all das wegzensiert (und das ärgerte Müller sehr), was dem Bild vom Müller als "abnormalen Menschen" und "Außenseiter" abträglich war. Das resultierte aus dem restaurativen Klima in der damaligen Bundesrepublik, welches Kritik unterdrückte und Probleme verniedlichte. Die Folge war, dass auch der H&S-Streifen "Der lachende Mann" seinerzeit in der BRD nicht aufgeführt werden durfte.               

                 Gerade weil in Westdeutschland gesellschaftliche Bedingungen herrschten, in denen sich Söldner, einflussreiche Wahrsagerinnen, ehemalige SS-Leute und Revanchisten freizügig tummeln konnten, war eine breite Öffentlichkeit für kritische Filmbeiträge über die genannten Erscheinungen bis in die 70er Jahre nicht herzustellen. Eine radikal kritische Sicht konnten nur Filmschaffende liefern, die außerhalb dieser Bedingungen, lokal oder ökonomisch, ihre Heimat hatten. Die Systemauseinandersetzung im Kalten Krieg sorgte dafür, dass die Filme aus dem Studio H&S in Westdeutschland heute weitgehend unbekannt sind. Aber vielleicht erinnert sich manch einer daran, dass die Dokfilme von H&S nicht nur verbale Argumente aus Ostberlin geliefert, sondern auch handfeste Skandale und Aufführverbote in Westdeutschland herbeigeführt und zu Rücktritten von bundesdeutschen Politikern beigetragen haben.

                  Die Filme über Chile, Vietnam und Kambodscha zeigten nicht nur die Methoden des Imperialismus und ihrer Putschisten und Doktatoren, sondern sie wollten immer auch einen solidarischen Auftrag gegenüber den Opfern erfüllen. So kam es H&S bei den Dreharbeiten in den chilenischen KZs Chacabuco und Pisagua darauf an, die Gesichter und die Stimmen der politischen Häftlinge des Pinochet-Regimes aufs Zelluloid zu bannen. Sie wollten der Welt die lebenden Patrioten vorweisen, damit niemand sagen konnte, sie seien verschollen; damit die Angehörigen und Genossen wussten: sie leben noch!

                 Nach der Wende in der DDR wurde bekannt, dass das Studio H&S ohne die Logistik des DDR-Innen- und Außenministeriums nicht hätte arbeiten können, zumindest nicht in dieser effektiven Form. Doch genau betrachtet, ergibt sich diese Tatsache aus ihrer Art der Auslandstätigkeit, die sorgfältiger Vorbereitung bedurfte, fast folgerichtig. Der selbstgestellte Klassenauftrag war immer auch Staatsauftrag. Wer ihnen das heute im Rahmen vorherrschender DDR-Abwickelei vorwirft, ist selber schon wieder systemnah. Ob sich so das Werk des ostdeutschen Filmteams auf Dauer diskreditieren lässt? 

                Allein die Analysen ihres Chile-Zyklus lassen die H&S-Filme (von zeitbedingtem Pathos abgesehen, der zuweilen durchklingt) aktuell und frisch erscheinen, denn das neoliberale Wirtschaftskonzept der USA, das nach dem Putsch vor 30 Jahren in Chile eingeführt worden ist (und wofür Pinochet heute von vielen seiner Landsleute bejubelt wird), scheint sich heute weltweit allmählich durchzusetzen.



Filmen in Vietnam -
 unmittelbar nach der Befreiung
Südvietnams 1975.
Links Peter Hellmich
3.v.links Walter Heynowski

Der 13jährige Do Boa (2.v.links) hat das Massaker überlebt, das die
US-Amerikaner in Son My 1968 anrichteten
in Vietnam 1975

                     Da solch ein Oevre, wie es H&S bis 1991 vorgelegt haben, immer zugleich auch eine gesellschaftliche Dimension hat (es wurde unter bestimmten Verhältnissen geschaffen, um auf bestimmte Verhältnisse zu wirken), so müssen sich die H&S-Filme auch künftig - wie zur Zeit ihrer Entstehung - fragen lassen: Haben sie etwas beigetragen "zur Entwicklung des gesellschaftlichen Kommunikationsprozesses" (Scheumann) ?  Warum sollten die seinerzeit wichtigen Enthüllungen über Globke heute nicht mehr stimmen? Warum sollten die Bekenntnisse eines Kongo-Müller (1966) und eines Kamerad Krüger (1988) belanglos sein? Freilich, sich von ostdeutschen Filmemachern die Leichen im westdeutschen Keller vorzählen zu lassen, das passt vielen - auch heute im geeinten Deutschland - nicht. 

                Vorsichtig resümiert der ostdeutsche Dokumentarist Günter Jordan über die „H&S-Filme: „Ich bin dafür, dass wir mit ihnen sorgsam umgehen und sie vor dem zeitgeschichtlichen und historischen Hintergrund behandeln. (...) Diese Filme zeichnet ein hoher Standard an Argumentation, Rhetorik und Inanspruchnahme künstlerischer Mittel aus. Sie haben in ihrer Zeit Wirkung gehabt und Zeichen gesetzt. Propagandafilm ist zunächst weder gut, noch schlecht.“ Das Fazit, das Gerhard Scheumann nach dem Anschluss der DDR gezogen hat, ist in seiner politischen Standortbestimmung deutlicher, schärfer, bekennender: 

 „Vom Ende her betrachtet könnte man natürlich sagen, dass die Definition vom 'Charakter der Epoche' durch die Geschichte widerlegt ist. Wir haben eine historische Niederlage erlitten und müssen uns damit abfinden. (...) Wenn wir von der Geschichte auch widerlegt scheinen, so bleiben meiner Meinung nach einige Positionen, deren wir uns niemals zu schämen brauchen, sowohl was Chile als auch Vietnam und Kambodscha betrifft. Da hat die DDR im Gegensatz zum dem Staat, der heute der ganze Staat ist, historische Positionen besetzt, und wir können sagen, wir sind mit unseren Filmen dabei gewesen.“ 

               Text: René Senenko, Hamburg 

t o p

 



Biografische Angaben   
Walter Heynowski
geb. am 20. 11. 1927 in Ingolstadt
Heynowski
Regisseur. Ab 1948 in Berlin. Nach Kriegsende Mitarbeiter und Redakteur verschiedener Zeitungen, u.a. "Berliner Zeitung", bis 1956 Chefredakteur von "Frischer Wind", später des "Eulenspiegel". 1956-60 Leiter der wöchentlichen Sendereihe "Zeitgezeichnet" im DDR-Fernsehen. In dieser Zeit erste Filmarbeiten: Regie 1959 "Genfer Nachlese", ein satirisches Feuilleton zur Genfer Außenministerkonferenz; 1960 "Mord in Lwów" über die Nazivergangenheit Theodor Oberländers, Bundesvertriebenenminister unter Adenauer; 1961 "Aktion J" und 1963 "Globke heute", beide über die Vergangenheit des Staatssekretärs im Bundeskanzleramt Hans Globke; 1965 "Kommando 52" über Söldner im Kongo.

Abb. links: W.H. Anfang 80er Jahre
Gerhard Scheumann
geb. am 25. 12. 1930 in Ortelsburg (Szczytno, Polen)
gest. 30. 5. 1998 in Berlin
Scheumann
Autor und Regisseur. Seit 1949 in der DDR Rundfunkarbeit auf dem Gebiet der Innen- und Wirtschaftspolitik. 1953-55 Dozent an der Fachschule für Rundfunkjournalistik in Weimar, danach Kommentator kultur- und wissenschaftspolitischer Sendungen. 1962 erster Leiter der Redaktion des innenpolitischen Magazins "Prisma" beim DDR-Fernsehen. 1962 "Nachbarn von dir und mir" (TV) und "Der Staatsanwalt hat nicht das Wort" (TV), 1963 "Schirmbild am Bildschirm". Ab 1965 Interviewer und Koregisseur bei gemeinsamen Filmen mit W. Heynowski.

Abb. links: G.Sch. Anfang 80er Jahre







Studio H & S










Die hier aufgeführten Filme aus dem Studio H&S stellen lediglich eine Auswahl dar.






Ab 1965 Zusammenarbeit Walter Heynowskis mit Gerhard Scheumann und dem Kameramann Peter Hellmich. Am 1. Mai 1969 Gründung des "Studio H&S". 
1966 internationaler Erfolg mit Der lachende Mann, ein Porträt des Söldners Siegfried Müller; genannt Kongo-Müller. 1966 PS zum lachenden Mann über Reaktionen auf "Der lachende Mann".
1967 Heimweh nach der Zukunft - Max Steenbeck erzählt über den DDR-Physiker M.St., 1967 Geisterstunde über die Bonner Starwahrsagerin Margarete Goussanthier; 1969 Der Präsident im Exil über Walter Becher und die "Sudetendeutsche Landsmannschaft". 1968 Piloten im Pyjama, 4teiliger Dokfilm über abgeschossene und gefangengenommene US-Piloten in Vietnam. Weitere Filme aus dem Vietnam-Zyklus: 1976 Die Teufelsinsel, 1977 Der erste Reis danach, Ich bereue aufrichtig und Die eiserne Festung.
Nach dem faschistischen Putsch in Chile produzierten H&S mindestens 10 Filme über Chile, darunter 1973 Mitbürger ! (Kurzfilm), 1974 Psalm 18 (Kurzfilm), Der Krieg der Mumien und Ich war, ich bin, ich werde sein und 1975 El Golpe Blanco/ Der weiße Putsch, 1976 Eine Minute Dunkel macht uns nicht blind, 1978 Im Feuer bestanden und Die Toten schweigen nicht.
Weitere wichtige Filme: 1979 Kampuchea - Sterben und Auferstehen und 1981 Die Angkar über die Verbrechen des Pol-Pot-Regimes; 1986 Die Generale (2 Teile; zusammen mit Gerhard Kade) über die Gruppe "Generale für den Frieden"; 1988 Die Lüge und der Tod über die "Judenverschickung", sowie Kamerad Krüger über das alljährliche Treffen der ehem. Waffen-SS in Bayern 1988 und einen ihrer Angehörigen, Walter Krüger, der früher Wache im Führerhauptquartier stand; 1989 Die dritte Haut (3 Teile) über Obdachlose und die Wohnung als menschliches Grundrecht und Bedürfnis.

Alle Filme aus dem Studio H&S hatten ungewöhnliche, weltweite Resonanz, sorgten für Aufsehen (Rücktritte bundesdeutscher Politiker, Skandale um Filmaufführungen bzw. Aufführverbote und errangen höchste Festivalpreise in Leipzig, Oberhausen, Tampere, Bilbao, Grenoble, Nyon, Moskau, Prag und Krakow. Auch heute noch finden die H&S-Filme Beachtung. So erlebte der Chile-Zyklus der H&S-Filme in Valparaíso (Chile) 2001 eine Retrospektive. 

H&S-Bücher Zahlreiche H&S-Filme sind auch Gegenstand von Büchern der Autoren Heynowski, Scheumann und Hellmich, die im In- und Ausland Verleger fanden. 

t o p

Quellen und Fotonachweis:

Abbildung oben
Filmaufnahme aus "Der lachende Mann" (H&S),
entnommen dem Internet

2. Abbildung aus: 
H&S: Filmen in Vietnam (1976).
Henschelverlag Berlin DDR: 39, Bildausschnitt

Abbildungen unten (Porträts Heynowski und Scheumann)
 und Lebensdaten aus: 
Taschenbuch der Künste (1984): Film A-Z. 
Henschelverlag Berlin DDR: 135

Sonstige verwendete Literatur: 
Dokumentaristen der Welt. Selbstzeugnisse.
Henschelverlag Berlin DDR 1982: 493 ff

Böttcher/ Kretzschmar/ Schier: 
Heynowski & Scheumann - Dokumentarfilmer im 
Klassenkampf. Eine kommentierte Filmographie.
Leipzig 2002

11. Fuhlsbüttler Filmtage
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Grüner Saal
Im Grünen Grunde 1
22337 Hamburg
direkt am U-/S-Bahnhof Ohlsdorf
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