Programm
der 12. Fuhlsbüttler Filmtage
2004



Fast vergessen: Deutscher Kolonialismus in Afrika 


H
artnäckig hält sich die Auffassung, dass die deutsche Kolonialherrschaft weniger brutal und ausbeuterisch war als die der anderen Europäer und sich sogar positiv auf die betroffenen Gebiete ausgewirkt habe. Außerdem wäre sie nur verhältnismäßig kurz gewesen und sei sowieso schon sehr lange her. Immerhin ging es dieses Jahr durch die Medien, dass vor genau 100 Jahren im heutigen Namibia ein durch Deutsche verübter Völkermord an den Herero stattfand. Aktuell wurde in den letzten Jahren in Hamburg ein Projekt namens „Tansania-Park“ kontrovers diskutiert, da dort Reliefskulpturen ausgestellt werden, die Angehörige der deutschen Kolonialhilfstruppen, also Askaris, darstellen.

Noch heute findet man auch in unserem Hamburger Stadtteil Fuhlsbüttel Spuren der Kolonialzeit: Der Woermannsweg an der Alsterschleuse erinnert an Adolph Woermann (1847-1911), Hamburger Reeder, Kaufmann und Präses der Handelskammer, der Bismarck dazu überredete Kamerun zu deutschen Kolonie zu machen. Er verdiente sich eine goldene Nase an den dortigen Plantagen, am Transport von Sklaven nach Mittelamerika und Truppentransporten nach Deutsch-Südwest, eben jenem Namibia. Parallel, auf der anderen Seite der Alster, verläuft der Justus-Strandes-Weg, benannt nach einem Hamburger Senator und Mitinhaber der u.a. in Sansibar und Deutsch-Ostafrika (Tansania) tätigen Im- und Exportfirma Hansing & Co. Er war Mitglied des Kolonialrates und im Vorstand der Deutschen Kolonialgesellschaft, leitete einige Jahre die Niederlassung in Sansibar und verfasste 1900 das Buch Die Portugiesenzeit von Ostafrika.  

Am 4. November 2004 erleben wir aus dem Blickwinkel des Nazi-Films die Kolonialvergangenheit. Hans Albers' Rolle als Carl Peters („Hänge-Peters“) soll uns heute zur Diskussion über Kolonialismus und sich im deutschen Spielfilm darstellende weiße Phantasien über schwarze Menschen anregen. Am Beispiel des schwarzen Schauspielers Bayume Mohamed Husen, der hier den Dolmetscher Ramassan verkörpert, im wirklichen Leben jedoch im KZ endet, möchten wir aufzeigen wo Rassenwahn hinführen kann.   

Am 5. November 2004
zeigen wir den Dokumentarfilm Eine Kopfjagd von Martin Baer. Er beleuchtet ein Stück Kolonialgeschichte aus der Perspektive des tansanischen Studenten Is-Haka Mkwawa, der auf der Suche nach dem Schädel seines Urgroßvaters Sultan Mkwawa durch das heutige Deutschland reist. Der Film zeigt auch die Hintergründe: Die deutsche Kolonisation in Ostafrika und die brutale Niederschlagung der Aufstände der Einheimischen. 

Als Gäste geladen sind bei diesen Filmtagen der Filmemacher Martin Baer ("Eine Kopfjagd") und der togolesische Archivar Bakoubayi Billy, der zur Zeit im Bundesarchiv erstmals systematisch die Akten des Reichskolonialamtes erschließt. 

Ergänzend zu den Filmtagen hat die Willi-Bredel-Gesellschaft an einem der darauffolgenden Wochenenden eine nachmittägliche Exkursion in den „Tansania-Park“ geplant. Genaueres erfahren Sie durch die Aktualisierung dieser Seite, sowie durch Plakatierung im Stadtteil Fuhlsbüttel ca. drei Wochen vor den Filmtagen. hot



Do.  4. November
19 Uhr

Einlass 18:30 Uhr
Eintritt 3 Euro
Illustrierter Film-Kurier

Illustrierter Film-Kurier
(1941 ?) 
Carl Peters
1940/ 41, 116 min sw, Bavaria Film München, Regie: Herbert Selpin, Darsteller: Hans Albers, Karl Dannewitz, Fritz Odemar, Toni v. Bukovics, Hans Leibelt, Bayume Mohamed Husen.

Filmbiografie des Kolonialisten Dr. Carl Peters (1856-1918), der auf eigene Faust nach Ostafrika fuhr und dort - für das Deutsche Reich - beträchtliche Ländereien an sich riss. Seine [unmenschlichen] Methoden gegen Eingeborene führten nach seiner Rückkehr zu einem Anhörung vor dem Reichstag... 
Der während des Krieges 1941 zwecks antibritischer Propaganda gedrehte Film diffamiert neben den Engländern auch Juden und Sozialdemokraten. 

Mit Einführung. - Zur Diskussion nach der Vorführung ist der togolesische Archivar Jonas Bakoubayi Billy eingeladen.

Literatur Bastian Breiter: Der Weg des "treuen Askari" ins KZ

Plakat
Das zeitgenössische Plakat zum Film

Informationen über die Titelfigur Carl Peters sowie über das Schicksal des schwarzen Schauspielers Bayume M. Husen, der im Film Peters' Diener Ramassan verkörpert, siehe unsere Seite über die Hintergründe

Fr. 5. November
19 Uhr


Einlass 18:30 Uhr
Eintritt 3 Euro
Eine Kopfjagd (Baerfilm 2001)

Auf der Suche nach dem Schädel seines 
Urgroßvaters Sultan Mkwawa: 
Is-Haka Mkwawa (rechts im Bild)
Eine Kopfjagd
Auf der Suche nach dem Schädel des Sultans Mkwawa
2001, 54 min Farbe, Baerfilm Berlin/ EgoliTossell, Regie: Martin Baer

Der Film dokumentiert am Beispiel einer merkwürdigen Begebenheit die Geschichte der Kolonie Deutsch-Ostafrika von den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. Er zeigt, was nach der deutschen Kapitulation aus Tanganjika wurde und wie die Deutschen mit den Hinterlassenschaften ihrer Kolonialepoche umgingen. 

Zur Diskussion nach der Filmvorführung haben ihre Teilnahme zugesagt der Regisseur des Films Martin Baer und der togolesische Archivar Jonas Bakoubayi Billy. 

Literatur Lesenswert: Das Buch zum Film!

 

12. Fuhlsbüttler Filmtage
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Hintergründe - Logos - Kontakt - Epilog
Veranstaltungsort:
Grüner Saal
Im Grünen Grunde 1
22337 Hamburg
direkt am U-/S-Bahnhof Ohlsdorf
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