Hintergründe
zu Filmen der 12. Fuhlsbüttler Filmtage
2004

 

Hänge-Peters und Deutsch-Ostafrika

 „Die Kolonialpolitik will nichts Anderes, als die Kraftsteigerung und Lebensbereicherung der stärkeren, besseren Rasse, auf Kosten der schwächeren, geringeren, die Ausbeutung der nutzlos aufgespeicherten Reichtümer dieser im Dienste des Kulturfortschritts jener.“   Carl Peters, 16.2.1886, Kolonialpolitische Korrespondenz

 Carl Peters wird am 27.9.1856 als Kind eines Pfarrers in Neuhaus/Elbe nahe Lüneburg geboren. Nach Studium von Geschichtswissenschaften und Philosophie in Göttingen und Berlin besteht er das Lehrerexamen. Von 1880 bis 1883 lebt er bei einem wohlhabenden Onkel in London und beschäftigt sich dort mit Kolonialpolitik und ihrer Bedeutung für das britische Weltreich. Er publiziert die Bücher „Das Deutschtum in London“ und „Willenswelt und Weltwille“. 

Carl Peters

1884 zurück in Deutschland ist er Mitbegründer der „Gesellschaft für Deutsche Kolonisation“. Diese Gesellschaft vertritt das Ziel deutscher Kolonialgründungen, Ansiedlung von Deutschen in Afrika, Erschließung von Rohstoffquellen, Exportmärkten und Auswanderungsgebieten zum wirtschaftlichen Wohle des Deutschen Reiches. Bereits im Dezember des selben Jahres schließt Carl Peters Verträge mit Stammesoberhäuptern im Gebiet des heutigen Tansania und bekommt am 27. Februar 1885 von Bismarck den ersten Kaiserlichen Schutzbrief für seine Erwerbungen.

 Seit 1887 ist Peters Direktor der „Deutsch-Afrikanischen Gesellschaft“ und durch Betrug und hinterlistige Verträge erwirbt er bald ein Gebiet von der fast doppelten Fläche des Deutschen Reiches. 1888 kam es zum ersten Aufstand gegen die deutsche Machtübernahme. 

1891 wird Deutsch-Ostafrika deutsche Kronkolonie und Peters wird zum Reichskommissar ernannt. Später entlässt man ihn aufgrund brutaler Behandlung der einheimischen Bevölkerung. 

Noch auf zahlreichen Straßennamensschildern in den alten Bundesländern präsent:
Carl Peters (1856-1918)

Er verdankt seinen unrühmlichen Titel „Hänge-Peters“ dem Umstand, dass er den Geliebten seiner afrikanischen „Beischläferin“ (so August Bebel) Jagodia brutal und stümperhaft hinrichten lässt, nachdem er hinter das Verhältnis kam. Auch Jagodia wird nach einem Fluchtversuch gehängt. Erst vier Jahre danach wird der Fall in Deutschland zum Skandal, da August Bebel ihn im Reichstag zur Sprache bringt. Der Vorwärts nannte ihn einen „grimmigen Arier, der alle Juden vertilgen will und in Ermangelung von Juden drüben in Afrika Neger totschießt wie Spatzen und zum Vergnügen Negermädchen aufhängt, nachdem sie seinen Lüsten gedient.“

 Nicht wegen dieser Morde, sondern wegen „Pflichtverletzung“ wird er nach einem Disziplinarverfahren seines Amtes enthoben verlegt seinen Wohnsitz nach England. 1905 wird Carl Peters durch Wilhelm II. rehabilitiert und bekommt seit 1914 entsprechende Pensionszahlungen. Am 10. September 1918 stirbt er in Bad Harzburg. hot        


        


1940
 1894
Darsteller und ...

Hans Albers in der Hauptrolle (links)
 in "Carl Peters" (1940/41) und Bayume M. Husen als Diener Ramassan (vorn)
... historische Vorbilder

Carl Peters, der Herr, und 
Ramassan, sein Diener 
Aufnahme aus dem Jahr 1894

                     

Bayume Mohamed Husen

Im Abspann des 1941 bei Bavaria München gedrehten Kolonialfilms "Carl Peters" finden wir neben den Namen so prominenter Mimen wie Hans Albers und Hans Leibelt auch den des Afro-Deutschen Mohamed Husen verzeichnet. Kaum ein anderer Kolonialfilm provoziert so sehr zu einem kritischen Nachfragen: Was ist aus Husen, der in in dem Nazi-Propagandafilm "Carl Peters" den Führer und Dolmetscher des Titelhelden spielt, geworden? Wie geht man heute in den alten Bundesländern mit solch zweifelhaften "Kolonialpionieren" wie Carl Peters um? Gab es in Deutschland je eine ernst gemeinte Aufarbeitung der eigenen Kolonialgeschichte? Warum musste Bayume Mohamed Husen im Konzentrationslager sterben? Warum tragen die (häufig von den Nazis) nach Carl Peters benannten Straßen in zahlreichen Städten (z.B. in Lübeck und Lüneburg) noch heute diesen Namen?  

Bayume Mohamed Husen wurde am 22. Februar 1904 in Daressalam in Deutsch-Ostafrika (heuteTansania) geboren. Eigentlich hieß er Bayume bin Mohamed. Schon mit zehn Jahren arbeitete er als Schreiber in einem deutschen Unternehmen, bevor er zusammen mit seinem Vater zu Beginn des 1. Weltkriegs in die deutsch-ostafrikanische Kolonialtruppe unter Lettow-Vorbeck eingezogen wurde. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft diente er als "Boy" auf englischen und deutschen Dampfern. 

1934 1929 kam er nach Berlin, um den ihm zustehenden Sold aus seiner Militärzeit einzufordern. Erfolglos. Husen bekam aber in der "Wildwest-Bar" des "Hauses Vaterland" in Berlin eine Anstellung und entging so seiner Abschiebung. 1932 heiratete er eine Sudetendeutsche; aus der Ehe gingen drei Kinder hervor. Obwohl Husen inzwischen "unmittelbarer Reichsangehöriger" war, zogen die Nazi-Behörden 1933 die deutschern Pässe von ihm und seiner Frau ein und ersetzten sie durch sog. Fremdenpässe. Die sozialen und politischen Rechte sowie seine Aussicht auf Arbeit waren damit wieder arg eingeschränkt. 1934 nahm Husen das Engagement in Herbert Selpins Kolonialstreifen "Die Reiter von Deutsch-Ostafrika" an. Er spielte hier einen treuen, sich für Deutschland aufopfernden Askari-Krieger (siehe Abb. links). 
Bayume M. Husen als treuer Askari-Krieger im deutschen Kolonialfilm "Die Reiter von Deutsch-Ostafrika"
 (1934, Regie: H. Selpin)

1935 erzwangen rassistische Kollegen sein Ausscheiden aus dem Kellnerberuf. Deshalb arbeitete Husen ab 1936 als hauptamtlicher Sprachgehilfe am Berliner "Seminar für Orientalische Sprachen". Um auf eine Wiedererlangung der ehemaligen deutschen Kolonien vorbereitet zu sein, ließ das Innenministerium insgeheim Polizeibeamte sprachlich ausbilden. So unterrichtete ab 1937 Husen unter Geheimhaltungsauflagen solche Adepten. Bar jeglicher Illusionen gehörte auch die formale Anpassung zu Husens Überlebensstrategie. Als Hitler Polen überfiel, meldete er sich demonstrativ als Freiwilliger. In kolonialistischen Kreisen fand sein Verhalten großen Widerhall. 

1940 begann die Bavaria Film mit der Produktion des Kolonialfilms "Carl Peters" in Prag. Husen bekam ein Engagement. Er übernahm in diesem Propagandastreifen die Rolle des Ramassan, des treuen Dieners des "Gründers von Deutsch-Ostafrika" Carl Peters.
Hans Albers hatte sich für die Rolle des Titelhelden hergegeben. So kam Husen an der Seite des Stars 1941 abermals auf die Kinoleinwände. 

Weil Husen ein Verhältnis mit einer "Arierin" gehabt habe, verhaftete die Gestapo im September 1941 Husen wegen "Rassenschande". Auf eine Intervention seiner Vorgesetzten hoffte Husen vergeblich. Ohne Gerichtsverfahren kam Husen ins Konzentrationslager. Auf Druck der Gestapo ließ sich seine Frau scheiden. Im KZ Sachsenhausen starb Bayume Mohamed Husen nach mehr als drei Jahren Haft am 24. November 1944. Sein Sohn Bodo kam durch einen Bombenangriff ums Leben. Das Schicksal seiner übrigen Kinder und seiner geschiedenen Frau ist ungeklärt. nko

        
t o p


Quellen und Fotonachweis:

Abbildung oben:
Internet: fh-lueneburg.de

Biografisches zu Carl Peters:
Baer, Martin und Olaf Schröter:
Eine Kopfjagd. 
Deutsche in Ostafrika - Spuren kolonialer Herrschaft.
Berlin 2001

Abbildung Mitte links:
Bastian Breiter:
Der Weg des “treuen Askari” ins Konzentrationslager. 
Die Lebensgeschichte des Mohamed Husen.
in: V.d.Heyden / Zeller (Hg.): 
Kolonialmetropole Berlin. Eine Spurensuche. 
Berlin 2002, S. 219 

Abbildung Mitte rechts:
Wichterich, Richard: Dr. Carl Peters - Der Weg eines
Patrioten. Berlin 1934, S. 149

Abbildung unten:
Baer, Martin und Olaf Schröter:
Eine Kopfjagd, S. 171

Biografische Daten zu B.M. Husen:
Bastian Breiter: Der Weg des “treuen Askari” ins Konzentrationslager, etc. 
S. 215-220

sowie: Baer, Martin und Olaf Schröter:
Eine Kopfjagd, S. 170-173





12. Fuhlsbüttler Filmtage
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Grüner Saal
Im Grünen Grunde 1
22337 Hamburg
direkt am U-/S-Bahnhof Ohlsdorf
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