Hintergründe
zum Thema der 17. Fuhlsbüttler Filmtage
2009

 

Resistenza (ital. Widerstand) bezeichnet die Gesamtheit von Parteien und politischen Bewegungen, die Widerstand gegen den italienischen Faschismus und die deutsche Okkupation von 1943-1945 leisteten, als große Teile Italiens von den deutschen und italienischen Faschisten besetzt war. Nach der erfolgreichen Landung der britischen und US-Streitkräfte auf Sizilien im Juli 1943 wurde Mussolini abgesetzt und Italien nahm geheime Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten auf. Als im September 1943 Italien den Krieg mit den Alliierten offiziell beendete, besetzte die faschistische Wehrmacht innerhalb von wenigen Tagen Italien bis südlich von Neapel. Nur mühsam gelang es den am 9. September 1943 südlich von Neapel gelandeten alliierten Truppen, sich Richtung Norden vorzuarbeiten. Rom wurde erst im Juni, Florenz im September 1944 befreit. Norditalien bis zum Apennin blieb bis Anfang 1945 in der Hand der deutschen Besatzer. Dort hatten sie mit dem aus der Gefangenschaft befreiten Mussolini im September die faschistische Republik von Salò (Gardasee) etabliert, eine Marionette der deutschen Faschisten. Sie war der politische Rahmen für die rücksichtslose Ausbeutung des nichtbefreiten Italiens durch Nazideutschland: 800.000 Italiener schufteten in Deutschland als Zwangsarbeiter, 1,1 Mio. Tonnen Wirtschaftsgüter wurden nach Deutschland bis Ende April 1944 abtransportiert. Auf ihrem Rückzug hinterließen die deutschen Faschisten vor allem verbrannte Erde:  Erschossene Geißeln, ermordete Zivilisten zerstörte Dörfer und Infrastruktur, demontierte Industrieanlagen. Ziel des deutschen Faschismus war es, Rache für das Ausscheren aus dem Kriegsbündnis zu nehmen. Grausam sind die Deutschen auch gegen ihre ehemaligen Verbündeten an anderer Stelle: 600.000 italienische Soldaten in Frankreich, dem Balkan und Griechenland werden nach Deutschland deportiert. Widersetzten sie sich, wurden sie umgebracht. Am Ende siegten jedoch die Partisanen: Mussolini und weitere Angehörige seiner Regierung wurden auf der Flucht in die Schweiz von Partisanen am Comer See gestellt und erschossen, Tausende deutsche Soldaten gefangen genommen. Die Alliierten sahen Italien nicht als ihren Hauptkriegsschauplatz an und setzten nur so viele Truppen ein, damit ein langsamer Vormarsch gewährleistet war. 

Die Hauptlast des Krieges trugen die italienischen Partisanen. Sie waren es, die noch vor Eintreffen der Alliierten Ende April 1945 die norditalienischen Großstädte Bologna, Mailand, Genua und Venedig befreiten und Tausende deutsche Soldaten gefangen nehmen. Damit ein Partisan agieren konnte, musste er von 10 bis 14 Nichtkämpfenden unterstützt werden. Man geht davon aus dass es 300.000 Partisanen gab, unter ihnen 35.000 Frauen. Rund 3 Millionen Italiener haben die Partisanen aktiv unterstützt. Die Resistenza war somit eine Massenbewegung. In ihr waren alle antifaschistischen italienischen Parteien vertreten, wenn auch die Kommunisten den größten Anteil stellten. Organisiert waren die Partisanen im „Komitee zur nationalen Befreiung“. Dieses Komitee bildete im besetzten Gebiet so etwas wie eine Gegenregierung. In befreiten Regionen (z. B. im Piemont) wurden autonome Republiken auf Selbstverwaltungsbasis gegründet. Operationsgebiet war das gesamte besetzte Italien mit Schwerpunkt in den Bergregionen. In den Großstädten agierten Aktionsgruppen, die illegale Zeitungen herausgaben, Anschläge auf faschistische Einrichtungen organisierten und Aufklärungsdienste betrieben. Insgesamt wurden von den Deutschen und ihren italienischen Helfershelfern 45.000 bis 70.000 Partisanen getötet. Auf das Blutkonto der Besatzer gehen auch 37.000 ermordete politische Gefangene und 17.000 Zivilpersonen, 10.000 Juden und weitere 46.000 in den Lagern der Nazis ermordete Militärinternierte. Nazi-Wehrmacht tötete pro Tag durchschnittlich 160 unbeteiligte Zivilpersonen, also Frauen, Kinder und ältere Menschen. Trotz dieses blutigen Terrors gelang es den italienischen Partisanen, das Überlegenheitsgefühl der deutschen Besatzer zu brechen, wie es vergleichbar nur der sowjetischen Armee gelungen ist. Die Resistenza war zwar schlecht bis miserabel ausgerüstet, ersetzte aber den Mangel an Ausrüstung durch Mut und Opferbereitschaft. Dem wussten die deutschen Faschisten nur mit einer Brutalität zu begegnen, die mit ihren Ausrottungsfeldzügen in der UdSSR, in Polen und in Jugoslawien vergleichbar ist. 

Willi Bredel. Die internationale Ausstrahlung der italienischen Widerstandsbewegung war so groß dass sich auch Willi Bredel in seinem Roman „Die Enkel“ mit der deutschen Besatzung Italiens in der Darstellung der Flucht des SS-Offiziers Wehner von Mailand in die Schweiz auseinander gesetzt hat (14. Kapitel in den Abschnitten I und II). Mit einer Lesung dieses Kurztextes eröffnen wir die 17. Fuhlsbüttler Filmtage.  

Neorealismus. Die Erfahrungen von faschistischer Besatzung, Verfolgung und Resistenza führten zu einer neuen Kunstrichtung in Italien, dem Neorealismus. Frei von Pathos und Pose steht der einfache Mensch mit seinem Handeln im Vordergrund. Gezeigt werden keine Helden, sondern die Perspektive derer von Unten. Die Filme des Neorealismus sollten die ungeschminkte Wirklichkeit zeigen; das Leiden unter der Diktatur, die Armut und Unterdrückung des einfachen Volkes. Dabei sind es die vermeintlich kleinen Dinge, die in den Vordergrund treten, weil sich aus ihnen das Ganze erschließen lässt. Gedreht wurde häufig mit Laienschauspielern und weniger im Studio als vielmehr auf der Straße. Diese Perspektive hat auch Eingang in die italienische Literatur der Nachkriegszeit gefunden, wovon eine große Zahl von Resistenza-Romanen zeugt.

Der Film Achtung, Banditi! (1951) von Carlo Lizzani schildert die Gefahren des Partisanenkampfes. Eine kleine Gruppe versucht im Spätherbst 1944, Waffen für ihre Brigade zu beschaffen, doch kommen ihnen am verabredeten Ort die deutschen Besatzer zuvor. Die Partisanen machen sich auf den mühsamen Weg nach Genua, um erneut über Mittelsmännern in Besitz der dringend benötigten Waffen zu gelangen...
Regisseur Carlo Lizzani hat nach dem 2. Weltkrieg mit Roberto Rosselini („Rom, offene Stadt“) zusammengearbeitet und mit seinem ersten Film „Achtung Banditi!“ ein Meisterwerk des Neorealismus geschaffen. In einer Nebenrolle (im Film ist die zunächst unentschlossene Angestellte...) die in späteren Filmen eher der leichten Muse zugeneigte Gina Lollobrigida.  

Der Film Rom, offene Stadt (1945) von Roberto Rosselini ist ein Klassiker des italienischen Neorealismus. Er spielt im Winter 1944. Rom wird von Hunger und Angst beherrscht. Razzien, Verhaftungen und Folter durch die SS sind an der Tagesordnung. Der Widerstandskämpfer Manfredi flüchtet vor einer deutschen Patrouille in die Wohnung von Francesco und seiner Verlobten Pina. Einen Tag später, am Morgen seiner Hochzeit, wird Francesco verhaftet. Zwar gelingt es, ihn und andere inhaftierte Mitglieder der Widerstandsgruppe zu befreien, doch werden sie abermals verraten...

Im Mittelpunkt des Streifens steht das Netzwerk einer städtischen Widerstandsgruppe, ihr Leben und Sterben. Der Film erhielt 1946 den Großen Preis des internationalen Filmfestivals in Cannes. Am Drehbuch arbeitete der später als Regisseur bekannt gewordene Frederico Fellini mit, in der weiblichen Hauptrolle ist Franca Mangni zu erleben. In der Bundesrepublik war der Film von 1950 bis 1961 wegen angeblicher „Volksverhetzung“ verboten.

Juristische Aufarbeitung. Über die in der BRD unterlassene juristische Aufarbeitung der Kriegsverbrechen unter der deutschen Besatzung Italiens und über aktuelle Fälle informiert am 2. Filmabend die Rechtsanwältin Gabriele Heinecke. Da die deutsche Justiz die im Ausland unter Anklage stehenden Bundesbürger nicht ausliefert, können sich in Italien verurteilte deutsche Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik ihrer Freiheit und der Verschleppung ihrer Verfahren erfreuen. Nur selten kam und kommt es zu Verurteilungen durch bundesdeutsche Gerichte. So erfahren wir im Gespräch mit Gabriele Heinecke mehr über das im August vor dem Landesgericht München abgeschlossene Verfahren zum Massaker von Falzano di Cortona (das mit der Verurteilung des ehemaligen Kompanieführers Josef Scheungraber endete) und über den Stand des Verfahrens Sant'Anna di Stazzema gegen den Hamburger Gerhard Sommer, der in Italien zu lebenslänglicher Haft verurteilt worden ist, hier aber in einem Altenheim in Volksdorf seinen Lebensabend genießt.  




Literatur:

Historische Darstellungen

l       Battaglia, Roberto / Garritano, Giuseppe: Der italienische Widerstandskampf 1943 bis 1945; Berlin 1970

l       Kuby, Erich: Verrat auf deutsch. Wie das Dritte Reich Italien ruinierte: Frankfurt/Berlin 1987

l       Ortner, Christian: Marzabotto. The Crimes of Walter Reder - SS-Sturmbannführer. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands; Wien 1986

l       Schreiber, Gerhard: Deutsche Kriegsverbrechen in Italien: Täter, Opfer, Strafverfolgung; München 1996

 

Romane (Auswahl)

l       Italo Calvino: Wo Spinnen ihre Nester bauen (1947)

l       Carlo Cassola: Mara (1960)

l       Cesare Pavese: Das Haus auf der Höhe (1948)

l       Elio Vittorini: Die Toten wissen Antwort (1945)



17. Fuhlsbüttler Filmtage

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